Neue Studie zum Thema rassistische, antidemokratische und autoritäre Ge­sinnung in Deutschland

»Ein Blick in die Mitte« zeigt es: Einer gleich­namigen Studie zufolge ist
eine rassistische, antidemokratische und autoritäre Ge­sinnung für einen
großen Teil der Deutschen zur Selbstverständlichkeit geworden.

von Anton Landgraf

[jungleWorld] Einen ungünstigeren Zeitpunkt hätten sich die
Wissenschaftler wohl kaum aussuchen können, um ihre Studie über
antidemokratische und ausländerfeindliche Einstellungen der Deutschen zu
präsentieren. Nur kurz tauchte die Untersuchung »Ein Blick in die Mitte«,
die von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegeben worden war, in den
Meldungen auf. Die schlechte Botschaft, die die Forscher zu verkünden
hatten, wurde schon am nächsten Tag vom »Wunder in Basel«, also dem Sieg
der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal, aus den Nachrichten
verdrängt.

Tatsächlich passen die Ergebnisse der qualitativen Untersuchung nicht so
gut zum neuen »Som­mermärchen« und dem Bild eines »fröhlichen und
geläuterten Patriotismus«, der während und nach der Weltmeisterschaft 2006
propagiert wur­de. Die Feststellungen von Elmar Brähler und Oliver Decker
von der Universität Leipzig zeigen eine andere Republik. Bereits vor zwei
Jahren legten sie die repräsentative Umfrage »Vom Rand in die Mitte« vor,
die eine drastische Zunahme von Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus
be­legte: 37 Prozent der Befragten meinten, dass Migranten nur nach
Deutschland kämen, um »un­seren Sozialstaat auszunutzen«. Etwa 39 Prozent
fanden »Deutschland von Ausländern überfremdet«. Jeder vierte sehnte sich
nach einer »ein­zigen starken Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt
verkörpert«.

Die neue Untersuchung sollte nun zeigen, wie diese Einstellungen zustande
kommen. Dafür wurden an mehreren Orten in Deutschland Diskussionsrunden
organisiert. Die insgesamt 60 Teilnehmer sprachen dabei ihre rassistischen
Vor­urteile mit einer solchen »besorgniserregenden Selbstverständlichkeit«
aus, dass die Wissenschaft­ler an ihren früheren Ergebnissen zweifelten.
»Offenbar wurde die Ausländerfeindlichkeit in der ersten Studie
unterschätzt«, sagte die Psychologin und Co-Autorin der Studie, Katharina
Rothe.

In den Gruppen herrschte schnell der Konsens, alles »Fremde« abzulehnen
und Ausländer auszugrenzen. Als Standardargument diente dabei die
Formulierung: »Die passen einfach nicht zu uns.« So sagte beispielsweise
eine gewisse Frau Meier aus Dortmund während einer Diskussion, die Türken
nähmen »sich Sachen raus, was die Deutschen nicht dürften«, sie nähmen
überhand, »die kaufen jedes Geschäft auf, die kaufen jedes Haus, was leer
wird, auf«. Decker bezeichnet eine derartige Haltung als eine neue Form
des »kulturellen Rassismus«. Der »hohe Normierungsdruck« habe aber auch
zur Folge, dass andere Abweichungen ebenfalls sanktioniert werden: Der
Hass richtet sich auch gegen Arbeitslose oder sozial Schwächere.

Die Einsichten decken sich mit anderen Untersuchungen wie zum Beispiel der
Langzeitstudie »Deutsche Zustände« von Wilhelm Heitmeyer von der
Universität Bielefeld. Seit Jahren stellt der Soziologe eine Zunahme der
»gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit« fest – wer nicht ins Raster
passt, wird verachtet und gehasst. Die Ergebnisse der neuen Studie
bestätigen auch, was zuvor bereits einfache Statistiken gezeigt haben: So
gab es während der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren eine deutlich höhere
Zahl rassistischer Angriffe als sonst – nur wurden sie kaum zur Kenntnis
genommen, weil diese Zahlen nicht zum »Sommermärchen« passten. Der
angeblich so unbeschwerte »Party-Patriotismus« hat offensicht­lich nicht
dazu geführt, dass der Rassismus abnimmt, wie etliche damals
prognostizierten. Viel­mehr wird Rassismus derzeit offener formuliert als
je zuvor.

Eine ähnliche Entwicklung belegt die Studie »Blick in die Mitte« auch in
der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte. Seit Jahren beschäftigen
sich die Medien und die Literatur vor allem mit den deutschen Opfern,
unermüdlich wird die »Ent­tabuisierung« des Redens über Flucht,
Vertreibung und Bombenkrieg beschworen: Nur so könn­ten die Deutschen ihr
Verhältnis zur Geschichte und zur Nation wieder »normalisieren«, heißt es.

Der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangen­heit messen die Autoren eine
»Schlüsselposition« zu, da sie rechtsextreme Tendenzen und
Verhaltensmuster hemmen könne. Nach unzähligen Folgen Geschichtsfernsehen
nach der Machart eines Guido Knopp und nach Bestsellern wie Jörg
Friedrichs »Der Brand« hat sich das Geschichts­bild tatsächlich verändert.
In den Diskussionen »scheint sowohl ein Verschwinden der Täter der
nationalsozialistischen Verbrechen auf«, schreiben die Autoren, wie auch
»eine Verschiebung der deutschen Selbstwahrnehmung vom Täter zum Opfer«.

Zudem sind viele Menschen demokratischer Ent­scheidungen überdrüssig. In
der ersten Studie sagte etwa die Hälfte der Befragten im Westen, dass die
Demokratie nur »für die da oben« gut sei und Wahlen sowieso nichts
änderten. Das sag­ten auch drei Viertel in Ostdeutschland. Die
»alar­mierende Geringschätzung des demokratischen Systems« bezeichnen die
Autoren als »narzisstische Zeitplombe«. Demokratische Strukturen wür­den
nur akzeptiert, solange sie Wohlstand garantierten. Gehe er verloren,
nähmen antidemokratische Meinungen zu – wie etwa nach der »Wende« in
Ostdeutschland.

Um diese Entwicklung zu erklären, zitieren die Autoren aus »Die
Unfähigkeit zu trauern« von Alexander und Margarete Mitscherlich. Demnach
trat an die Stelle des »kollektiven Narzissmus«, der durch den
Zusammenbruch des Nationalsozialismus schwer geschädigt wurde, »der
wirtschaftliche Aufschwung, das Bewusstsein, wie tüch­tig wir sind«.
Antidemokratische Einstellungen seien damals wie in einer Plombe
verschlossen worden. Mit der zunehmenden Angst vor dem sozialen Abstieg
öffne sich die Plombe wieder – und setze auch die autoritären und
rechtsextremen Ansichten frei.

Vermittelt werden diese Ansichten vor allem durch autoritäre Strukturen in
der Familie. So ver­weist die Studie mehrfach auf das Konzept der
»autoritären Persönlichkeit«, mit dem bereits die Frankfurter Schule das
Aufkommen des Nationalsozialismus psychologisch zu erklären versuch­te.
Doch während sich die ältere Generation noch oft auf die klassischen
Autoritäten bezieht, machen sich unter Jüngeren die gesellschaftlichen
Veränderungen bemerkbar. Ihre autoritären Vorstellungen sind willkürlicher
und nicht mehr unbedingt an den Vater oder staatliche Institutionen
gebunden. Während die Älteren noch nach der »harten Hand« des Staats
rufen, schlagen die Jungen gleich selbst zu.

Auffallend ist, dass der Studie zufolge rechts­ex­treme Ansichten in allen
Teilen Deutschlands weit verbreitet sind – im Westen sogar noch stärker
als im Osten. Das wirkt angesichts der jüngsten Wahlerfolge der NPD in
Sachsen zunächst befremdlich. Die Autoren erklären die Feststellung damit,
dass sie nicht die Handlungen, sondern die zugrunde liegenden Haltungen
untersucht ha­ben. Für die möglichen Opfer des Rassismus ist freilich der
Unterschied zwischen einer Einstellung und einer Handlung existenziell.
Die Wahrscheinlichkeit, an einem brandenburgischen Baggersee von
rechtsextremen Schlägern malträtiert zu werden, ist für Ausländer ungleich
höher als zum Beispiel an einem See in Bayern – selbst wenn die Vorurteile
in beiden Bundesländern in gleichem Maße verbreitet sind.

Tatsächlich lässt die Untersuchung keine Schlüsse über das mögliche
Wahlverhalten zu. Es ist zwar naheliegend, dass sich die autoritären
Persönlichkeiten von Roland Kochs rassistischem Wahlkampf in Hessen
angesprochen und bestätigt fühlten. Dass aber auch die Linkspartei Wähler
mit einem autoritären Weltbild anzieht, ist bekannt.

Seit Jahren betreiben auch die Sozialdemokraten den »positiven«
Nationalismus, wie zum Beispiel der ehemalige Bundeskanzler Gerhard
Schrö­der, der die Rede von der »selbstbewussten Nation« einführte. Dass
nun ausgerechnet die der SPD nahestehende Friedrich-Ebert-Stiftung in
einer Auftragsstudie vor den Folgen dieser Politik warnt, entbehrt nicht
einer gewissen Ironie, zumal die »selbstbewusste Nation« auch während
dieser Eu­ropameisterschaft rassistische Angriffe und Über­fälle zu
verzeichnen hat.

Die Studie zum Download findet ihr hier

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