Kollektives Vergessen statt Erinnern

Pressemitteilung der Antifaschistischen Aktion Chemnitz/AAK zu den Gedenkveranstaltungen anlässlich der Bombardierung von Chemnitz im zweiten Weltkrieg. Wir verweisen in diesem Kontext auf den Text des Autonomen HistorikerInnen-Kollektivs „Kritik am „Chemnitzer Friedenstag“ und dessen Gedenkpolitik anlässlich der Bombardierung von Chemnitz 1945“ .

Kollektives Vergessen statt Erinnern

Jedes Jahr finden Gedenkveranstaltungen anlässlich der Bombardierung deutscher Städte im zweiten Weltkrieg statt. In Chemnitz findet zu diesem Thema am 5.3 zum wiederholte Male der „Chemnitzer Friedenstag“, eine Kranzniederlegung am städtischen Friedhof und andere Veranstaltungen statt. Diese Veranstaltungen verharmlosen die Mittäterschaft der deutschen Bevölkerung an den Verbrechen des NS-Regimes und führen eine Umwandlung von deutschen TäterInnen zu Opfern durch. Die Verdrehung und Außerachtlassung von geschichtlichen Tatsachen muss beendet werden und eine detaillierte Ursachenforschung stattfinden, die die Gründe der Bombardierung deutscher Städte – im Besonderen von Chemnitz – klärt.

Im Februar demonstrierten 6500 Neonazis, um den „Opfern des Bombenterrors“ zu gedenken. Damit beförderte sich das jährliche Zusammenkommen tausender Nazis in Dresden zum größten Naziaufmarsch Europas. Dies ist aber kein Einzelfall: In anderen Städten kommt es ebenfalls zu den Jahrestagen der Bombardierung zu Mahnwachen, Kundgebungen und Demonstrationen von Nazis. Dabei zeigen sich Parallelen in den Denkmustern von Nazis und der Zivilgesellschaft. So das Recht, jetzt auch endlich um „deutsche Opfer“ trauern zu können oder die Frage des „Warum“ – wie auch der „Chemnitzer Friedenstag“ es tut.

Auf dieses „Warum“ wollen wir hier kurz eingehen: Eine Ende des Krieges war noch lange nicht in Sicht. Mit aller Kraft versuchten die Alliierten die Verbände der Wehrmacht und SS zurück zu drängen. Bei der Versorgung der deutschen Truppen spielten viele Standorte eine wichtige Rolle, um den Widerstand gegen die Alliierten zu gewährleisten. So bildete die Industrie in Chemnitz, in der auch tausende ZwangsarbeiterInnen eingesetzt wurden, einen kriegnotwendigen Aspekt der Rüstung. Chemnitz war also ein wichtiger kriegsstrategischer Standort.
Weiter ist der eliminatorische Antisemitismus und Antiziganismus zu nennen, dem über sechs Millionen JüdInnen, Sinti und Roma zum Opfer fielen. Die Organisation dieses ideologischen Grundelements in Form des industriellen Massenmords wäre schon Anlass genug gewesen für eine militärische Intervention. Die ungezählten Gräueltaten und die unfassbare Barbarei sollen und können nicht in diesem Rahmen weiter erörtert werden.

Ein feste Veranstaltung ist jedes Jahr die Kranzniederlegung auf dem städtischen Friedhof am „Mahnmal der Bombenopfer des fünften März“. Dabei anwesend waren immer auch Nazis. Über die Jahre hinweg wurde es nicht geschafft, sich von den Nazis zu distanzierten. Sie wurden toleriert und hatten somit eine Plattform für ihre menschenverachtende Ideologie. Dass es keinen wirklichen Widerstand gibt, mag verwundern, es sei denn mensch beachtet die Vorgänge, die parallel auf dem „Chemnitzer Friedenstag“ passieren. Mit dem Wegfallen der letzten kritischen Stimmen zur Gedenkpolitik kam es zu der Praxis, welche schon seit Jahren in Dresden praktiziert wird: Die deutsche Schuld am Krieg wird ausgeblendet bzw. nur am Rande erwähnt, deutsche TäterInnen werden als Opfer hochstilisiert. Dies wird besonders offensichtlich, wenn ein Blick auf die Texte der Website des „Chemnitzer Friedenstages“ www.chemnitz-friedenstag.de geworfen wird. Hier wird unter dem Stichpunkt „Fakten“ die Zahl der Toten durch die Luftangriffe mit Hilfe von Zahlen von der durch „aktive Kriegshandlungen [gefallenen]“ Wehrmachts- und SS-Angehörigen ergänzt. Ein weiterer Kritikpunkt am Friedenstag ist auch, dass „Frieden“ zwar überall groß geschrieben wird, aber nur oberflächlich behandelt wird. Auf Voraussetzungen oder eine klare Behandlung wird verzichtet, um sich die malerische Idylle des Begriffes „Frieden“ nicht durch inhaltliche Diskussionen zerstören zu lassen.

Die Folge dieser revisionistischen Ausrichtung der Veranstaltungen ist die vermehrte Anwesenheit von Nazis. So kam es schon in den vergangenen Jahren zu Kundgebungen von Nazis, um an die „Opfer“ des „Bomberterrors“ zu erinnern.
2008 ereignete sich bisher der Höhepunkt der Aktivitäten. Es versammelten sich über 150 Nazis aus der gesamten Region, um an der Kundgebung am Kinderheim an der Bernsdorfer Straße ihre „Trauer“ zu bekunden. Eine spontane Demonstration gegen die Nazikundgebung mit über 50 TeilnehmerInnen wurde brutal von der Polizei gestoppt und führte zu mehreren Verletzten bei den GegendemonstrantInnen, darunter ein Knochenbruch, der durch das Schleudern eines Teilnehmers gegen eine Wand durch BeamtInnen zustande kam. Die Polizeitaktik – die das hauptsächliche Gefahrenpotenzial in den GegendemonstratInnen scheinbar sah – sorgte dafür, dass Nazigruppen ungehindert durch Bernsdorf ziehen konnten. Resultat waren z.B. Körperverletzungen und Beleidigungen zweier BesucherInnen der Reitbahnstraße 84 oder die Hetzjagd auf den Chef der Jusos Chemnitz Christian Papsdorf.

Die Situation dieses Jahr gleicht der im vorigen Jahr: Wieder wird es eine Kranzniederlegung am Friedhof geben, getragen von allen Parteien, und wieder werden sich Nazis ungehindert dazu gesellen dürfen.
Der „Chemnitzer Friedenstag“ wird unreflektiert weiter Standpunkte und Inhalte vertreten, die von zutiefst revisionistischem Gedankengut durchzogen sind und es werden wieder Nazis durch die Straßen marschieren.
Da in dieser Stadt der Umgang mit Geschichte gerne unreflektiert von statten geht, ist eher eine Veranstaltung in der Reitbahnstrasse 84 um 19:00 zu empfehlen, welche sich mit der Erinnerungspolitik befasst in Form der medialen Präsentation so genannter „deutscher Opfer“.

Welche Ausblicke gibt es nun auf den kommenden Donnerstag?
Interessant wird das Verhalten der Polizei gegenüber den Nazis. Schaffen sie es wieder, ungehindert durch Chemnitz zu ziehen, ohne die Anwesenheit der „Hüter von Recht und Ordnung“ und wird es wieder Übergriffe von PolizeibeamtInnen auf DemonstrantInnen geben, die sich klar gegen Nazis positionieren möchten?
Es wird sich am 5.3. zeigen, wie sich die Zivilgesellschaft anlässlich der Bombardierung verhält. Vielleicht wird wieder von einer „Instrumentalisierung des Gedenkens“ durch Nazis gesprochen, wobei die Schnittstelle der „Deutsche als
Opfer“-Argumentation zwischen Nazis und Zivilgesellschaft unübersehbar ist.
Eine Lösung für das Problem mit Nazis kann nach unserer Meinung nach nur in der kritischen Reflexion bestehender gesellschaftlicher Probleme und deren Ursachen liegen und das heißt mit dem „deutschen Opfermythos“ zu brechen. Solange das Vergessen um die Verbrechen des Nationalsozialismus anhält und die Täterschaft der Deutschen verdrängt wird, kann dies nicht passieren.

„Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen.“ - Stichworte. Kritische Modelle 2: Erziehung nach Auschwitz – Theodor W. Adorno

Antifaschistische Aktion Chemnitz/AAK

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