Gegen deutschen Opfermythos auch in Chemnitz

Euer Frieden kotzt uns an

Erstmals wurde in diesem Jahr am 05. März die geschichtsrevisionistische Gedenkpolitik der Chemnitzer Zivilgesellschaft anlässlich der Bombardierung der Stadt vor 64 Jahren erfolgreich gestört. Dem deutschen Opfermythos wurde durch das Autonome HistorikerInnen Kollektiv (AHK) inhaltlich offensiv entgegengetreten, was zu erheblicher Aufruhr im InitiatorInnenkreis des „Chemnitzer Friedenstages“ führte.

Jedes Jahr zum 05. März findet in Chemnitz ein kleiner Abklatsch dessen statt, was Dresden um den 13. + 14. Februar erleben muss: trauernde Nazis und heulende BürgerInnen anlässlich der Bombardierung der Stadt durch die Alliierten 1945.

Dass neue Nazis um alte Nazis trauern, ist nicht verwunderlich und wird sowohl in Dresden als auch zunehmend in Chemnitz von verschiedenen Seiten thematisiert. Dass jedoch die selbst ernannte „demokratische Mitte“ und Zivilgesellschaft denselben vermeintlichen deutschen „Opfern“ gedenkt, wurde in Chemnitz bislang kaum kritisiert. Ähnlich wie in Dresden konnte sich hier über Jahre hinweg eine Erinnerungskultur herausbilden, die unter Ausblendung historischer Tatsachen und in Negation der deutschen Kollektivschuld im Nationalsozialismus öffentlich der Bombardierung einer angeblich unschuldigen Zivilgesellschaft im NS gedenkt. Maßgeblich wird eine derartige Gedenkpolitik von den InitiatorInnen des „Chemnitzer Friedenstages“ vorangetrieben, welche auf ihrer Homepage unter anderem tote Chemnitzer Wehrmachts- und SS-Soldaten in eine Reihe mit den sogenannten „Bombenopfern“ stellen. Eine ausführliche Kritik formulierte das Autonome HistorikerInnen Kollektiv schon im Vorfeld des 05. März in Form einer Analyse der Argumentationslinien auf der „Friedenstag“ Homepage (siehe Positionspapier).

Am „Gedenktag“ selbst intervenierten dann direkt vor Ort Menschen, die diesem
Revisionismus kritisch gegenüber stehen, in Form von Redebeiträgen und verschafften ihren Einwänden sowohl beim morgendlichen „Stillen Gedenken“ als auch mittags bei der Eröffnung des „Friedenskreuzes“ am „Friedensbrunnen“ Gehör (siehe Redebeitrag). Die Argumente des Autonomen HistorikerInnen Kollektivs führten bei den InitiatorInnen und AnhängerInnen der Gedenk- und Friedensveranstaltungen primär zu Irritationen und sekundär zu lautstarker Empörung. Gerade von den überwiegend älteren Trauernden beim Stillen Gedenken wurden die KritikerInnen anfangs für Nazis gehalten, da sie eine Kritik am bürgerlichen Gedenken am ehesten von Nazis erwarteten. Dabei war es von Beginn an das Hauptanliegen der KritikerInnen, die Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen nationalsozialistischer und bürgerlicher Gedenkpolitik offen zu legen. Erst nach der Hälfte des Redebeitrags wurde den Intervenierenden hier das – legal ergriffene – Mikrofon abgedreht, woraufhin eine höchst aufgebrachte Masse an ZeitzeugInnen auf die KritikerInnen einstürmte und mit Argumenten wie „Ihr habt die Bombardierung nicht erlebt, also seid still“ eine emotionalisierte Diskussion anzufachen versuchte. Der von den KritikerInnen angestrebte rationale Diskurs kam somit nicht zustande, zumal die wissenschaftliche Argumentationsweise der Intervenierenden als unnötig abgetan wurde. Eine distanzierte Betrachtung der deutschen Geschichte, so die Trauernden im Wortlaut, käme für sie nicht infrage, schließlich seien gerade ihrer aller Eltern und Angehörige keine Nazis gewesen und damit Opfer der alliierten Bombenangriffe…wer’s glaubt?!

Zwei Stunden später: Die InitiatorInnen des Chemnitzer Friedenstages, welche dem Autonomen HistorikerInnen Kollektivs von Beginn an das Mikrofon verweigerten, ärgerten sich ebenfalls mächtig über den per Megaphon (und diesmal im Ganzen) gehaltenen kritischen Redebeitrag auf ihrer Veranstaltung auf dem Chemnitzer Markt. Auch wenn sie nicht sofort rationale Argumentationsmuster ablehnten, so wurde doch dem AHK eine unsachliche und emotionalisierte Sicht vorgeworfen. Nichtsdestotrotz sind auch diese GeschichtsrevisionistInnen bereit, zu einem späteren Zeitpunkt in Diskussion mit Autonomen HistorikerInnen zu treten, eine Einladung wird folgen. Es bleibt abzuwarten, ob das Geschichtsverständnis der Chemnitzer Friedensbewegung dann über die Argumente auf www.chemnitzer-friedenstag.de hinausgeht. Denn die dortigen Fakten beschränken sich auf Schilderungen aus der Bombennacht und Zahlen über Bombenlast und Tote am 05.03.1945, während der Kontext des NS höchstens oberflächlich tangiert wird. Kein Wort findet sich zu einer ideologisch gefestigten nationalsozialistischen Gesellschaft, die den Zivilisationsbruch der deutschen Barbarei durch Schweigen oder Partizipation mitgetragen hat. Derartige Argumentationsmuster werden von den Chemnitzer Friedensbewegten seit einigen Jahren in die Öffentlichkeit getragen, es war also höchste Zeit, auch hier einmal mit steilen Thesen in den schuldabweisenden Erinnerungsdiskurs zu intervenieren. Zwar muss dem als Eröffnungsreferent geladenen, umstrittenen Bürgermeister Runkel zugute gehalten werden, dass er die nationalsozialistische Vorgeschichte der Bombardierung am Ende durchaus erwähnte, allerdings begann auch seine Rede mit der Betrauerung vermeintlicher „deutscher Opfer“.

Neben dem Autonomen HistorikerInnen Kollektiv äußerten dann am 05.03.2009 auch andere Gruppen ihr Missfallen gegenüber den zivilgesellschaftlichen, geschichtsrevisionistischen Gedenkveranstaltungen, so positionierte sich beispielsweise eine „imaginäre Antifa“ unmissverständlich in einem Pamphlet gegen das zivilgesellschaftliche Bündnis „Courage zeigen – für eine nazifreie Stadt“, welches den Namen „Antifa“ unter einen Bündnisflyer gesetzt hatte, ohne jedoch die antifaschistischen Gruppen der Stadt überhaupt zu konktaktieren. Vielleicht wollte sich die Zivilgesellschaft auch nur mit der Eigenschaft „antifaschistisch“ schmücken – höchst ironisch, wenn mensch bedenkt, dass es sich bei der Bündnisveranstaltung um ein Straßenfest handelte, das sich – wenn überhaupt – nur symbolisch gegen den Nazi-Aufmarsch positionierte. Auch die antifaschistische Aktion Chemnitz überhäufte die Chemnitzer Bevölkerung am 05. März im gesamten Innenstadtgebiet mit einem kurzen, informativen Flyer gegen die Verdrehung der Geschichte. Und schließlich lud das Bildungskollektiv für den späteren Abend zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Dissolution: Wie mediale Erinnerungspolitik Geschichte in Bilder auflöst“ in die ReBa 84. Die Referentin Antonia Schmid zeigte am Beispiel populärkultureller Medienproduktionen, wie geschichtsrevisionistische Selbstviktimisierung in Deutschland seit 1989 funktioniert und wirkt.

Eine erfolgreiche Intervention gegen den deutschen Opfermythos also auch in Chemnitz! Es bleibt die Hoffnung, den geschichtsrevisisionistischen Konsens in dieser Stadt zumindest ein Stück weit aufgebrochen zu haben…

Redebeitrag zur Kritik am praktizierten Gedenken [zurück]

Hallo,

wir ergreifen heute nicht das Wort, um über Frieden zu reden und dabei die deutsche Geschichte auszublenden. Wir glauben nicht an Friedenspreise, Friedenskreuze und Friedenswünsche in einer Gesellschaft, die sich selbst als deutsche Volksgemeinschaft bis heute stets neu konstruiert. Wir sind aber auch nicht hierher gekommen, um über den Naziaufmarsch in Bernsdorf zu reden, sondern wenden uns stattdessen bewusst an die FriedenstagaktivistInnen und Trauernden. Wir sind hier, um über die Veranstaltungen zum Chemnitzer Friedenstag und somit über die bürgerliche Erinnerungspolitik zu sprechen. Deshalb bitten wir für einige Minuten um Ihre Aufmerksamkeit.

Als zuletzt bombardierte Stadt bildet Chemnitz jedes Jahr im März den Höhepunkt eines bundesweiten Trauermarathons. Mit Blick auf die 1945 von den Alliierten durchgeführten Städtebombardements treffen sich regelmäßig Nazis wie BürgerInnen, um öffentlich und kollektiv den vermeintlichen „deutschen Opfern“ zu gedenken.
Dass heutige Nazis um ehemalige Nazis trauern, wird seit langem nicht nur von uns, sondern auch von Teilen der Chemnitzer Zivilgesellschaft thematisiert. Eine Kritik an der bürgerlichen, in dem Falle vom Friedenstag ausgehenden Erinnerungspolitik, ist allerdings in Chemnitz unserer Auffassung nach längst überfällig. Denn zum einen haben weite Teile der Friedensbewegung und der Kommunalpolitik offensichtlich kein Problem damit, im Einklang mit Nazis und Burschenschaftlern in aller Ruhe und Würde sg. „deutscher Opfer“ gedenken, wie die alljährliche gemeinsame Kranzniederlegung auf dem Städtischen Friedhof zeigt. Kommt es zu öffentlicher Kritik an dieser Praxis, so sprechen die Bürgerlichen gern von einer „Instrumentalisierung des Gedenkens“ durch die Nazis. Dies zeigt, dass die selbst ernannte Mitte der Gesellschaft auch in Chemnitz die wahre Form von „Gedenken“ für sich beansprucht und das Nazi-Gedenken als eine falsche Form der Erinnerungspolitik abtut.
In ihrer Opfertaumelei merken aber auch die InitiatorInnen des Friedenstages gar nicht, dass sie mit ihrer eigenen Form der Erinnerungspolitik an der revisionistischen Geschichtsverdrehung mitwirken. Von einer Instrumentalisierung durch Nazis kann unseres Erachtens nach keine Redes sein, ist es doch ein- und derselbe politische Akt kollektiven Gedenkens! Unserer Auffassung nach bereiten die ChemnitzerInnen selbst den Boden für Nazi-Argumentationen, denn im Kern betrauern Nazis und Bürgerliche dieselben vermeintlichen deutschen „Opfer“. Eine solche Gedenkpolitik erfordert einen positiven Bezug auf die getöteten Deutschen. Einen positiven Bezug also auf die Deutschen während des Nationalsozialismus. Auf diejenigen, die den Zivilisationsbruch des NS durch Partizipation oder Schweigen erst möglich gemacht haben. Um diesen Bezug herzustellen, ohne positiv an den NS anzuknüpfen, muss die Rolle der Deutschen im NS notwendigerweise einer Revision unterzogen werden. Also wird im Gedenken die Schuld verschleiert, indem sie nur auf einer ganz abstrakten und allgemeinen Ebene vorkommt. Die Täter_innen auf allen Ebenen werden nicht erwähnt. Die individuelle Verantwortung im NS spielt keine Rolle. Es wird behauptet, es hätte eine unschuldige und passive Zivilgesellschaft gegeben, welche zuerst die Nazis und dann die Bomben vom Himmel habe fallen sehen.

Eine solch entindividualisierte Ebene der Geschichtsbetrachtung macht es u.E. unmöglich, die Beteiligung der deutschen Bevölkerung im Nationalsozialismus kritisch zu reflektieren. Denn der NS war nun einmal keine Sache einer Parteiclique um Adolf Hitler, er hätte ohne das Mitwirken der ganz normalen Deutschen nicht funktioniert! Zu denen zählen auch die Muttis an der Heimatfront und natürlich die Wehrmachts- und SS-Soldaten. Letztere werden übrigens auf der Friedenstag Homepage im Einklang mit den sg. „Bombenopfern“ als Chemnitzer Kriegstote betrauert. So wird auch im modernisierten Gedenken ein deutscher Opfermythos weiter getragen und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Gesellschaft, mit deutscher Schuld und Täterschaft abgewehrt. Eine derartige Geschichtsauffassung funktioniert auf der Homepage des Chemnitzer Friedenstages durch Ignoranz gegenüber den eigentlichen Opfern des Nationalsozialismus, welche durch die gesamtgesellschaftliche Verfolgungs-, Ausbeutungs- und Vernichtungsmaschinerie ermordet wurden. Kein Wort zur Shoa und den anderen präzedenzlosen Verbrechen des Nationalsozialismus auch in Chemnitz, kein Wort zur Bedeutung der für das Fortbestehen des 3. Reiches notwendigen Rüstungsindustrie in Chemnitz, getragen von Zwangsarbeit. Stattdessen wird die Ursache für das Leiden der angeblich „unschuldigen Chemnitzer Zivilbevölkerung“ 1945 bei einem italienischen Luftstrategen gesucht, dessen Ideen die britische Luftwaffe mit dem Ziel der Kriegsführung schon in den 1920er Jahren übernommen habe. Dass der Zweite Weltkrieg allerdings notwendige Konsequenz der nationalsozialistischen Ideologie war, suchen wir auf der Homepage des Friedenstages vergeblich.
Verwundern mag den einen oder die andere, dass all die genannten inhaltlichen Positionen von der Friedenstag-Homepage im diesjährigen Flyer zum 05. März mit keinem Wort Erwähnung fanden. Noch mehr verwundert uns allerdings, dass es stattdessen ausschließlich um den Gaza-Krieg geht, welcher zu Beginn diesen Jahres zwischen israelischen Streitkräften und der islamistischen Terrororganisation Hamas ausgetragen wurde. 354 weitere Tage im Jahr stehen den FriedensstifterInnen zur Verfügung, um über unzählige andere aktuelle Kriege und Krisen in den verschiedensten Regionen der Erde zu berichten. Warum forciert der Friedenstag also gerade den Gaza-Konflikt mit solchem Nachdruck, dass er ganz vergisst, über sein eigentliches Anliegen am 05. März in Chemnitz zu schreiben? Warum versäumen es die InitiatorInnen, sich an diesem 05.03. mit der deutschen Schuld im Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, und beziehen stattdessen gerade im Nahostkonflikt eindeutig Stellung für eine Seite? Wir möchten an dieser Stelle keine Debatte über Recht und Unrecht im Gaza-Krieg führen, sondern lediglich unserer Impression Ausdruck verleihen, dass einen derartigen Flyer nur verfassen kann, wer kein Interesse an der konkrete inhaltlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte hat.

Aus den genannten Gründen betrachten wir die bürgerliche Erinnerungspolitik, wie sie in dieser Stadt maßgeblich vom Chemnitz Friedenstag initiiert wird, als geschichtsrevisionistisch. Die einzige Konsequenz aus der deutschen Geschichte bleibt der bedingunglose Bruch mit ihr und mit der kollektiven, nationalen Idenität.
Für uns steht der Angriff auf Chemnitz 1945 in untrennbarem Zusammenhang mit der Niederringung der deutschen Barbarei. Und das bedeutet eben, diese Bombardierung als notwendig hinzunehmen und jede Trauer um deren angebliche deutsche Opfer, zumal mittlerweile über 60 Jahre danach, als geschichtsrevisionistisch zu erkennen und unnachgiebig zu kritisieren.

GEGEN DEN DEUTSCHEN OPFERMYTHOS! GEGEN EINE HISTORISIERUNG DES NS!“
Autonomes HistorikerInnen Kollektiv Chemnitz

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