Still Not Lovin‘ Linke Selbstverständlichkeit

Kritische Anmerkungen zum Demo-Aufruf „Still Not Loving Germany“*

Die Fans der Bundesrepublik Deutschland feiern im Herbst 2009 den zwanzigsten Jahrestag der nationalen Vereinigung und veranstalten zu diesem Zweck zahlreiche öffentliche Feste. Auch in der Wendestadt Leipzig steigt die Party.

Das Leipziger Bündnis Still Not Loving Germany meint, dass dieses Ereignis alles andere als ein Grund zum feiern wäre und mobilisiert bundesweit zur Gegendemonstration. In Deutschland nämlich, so das Argument des Bündnisses gegen die Feierei, ist und war Rassismus an der Tagesordnung. Der Aufruf zur Gegendemo gibt sich dann auch alle Mühe, dieses Argument mit historischen und gegenwärtigen Fakten zum rassistischen Normalbetrieb in Deutschland zu belegen.

a)

In der Tat wäre die Deutschlandparty mal eine gute Gelegenheit, die Fans der Nation darüber aufzuklären, weshalb ihre Parteilichkeit eine für sie unnütze und schädliche Konsequenz darstellt, die aus ihren falschen Vorstellungen über die hiesige Gesellschaft herrührt, und weshalb diese Parteilichkeit regelmäßig zu Übergriffen auf Ausländer und anderen als undeutsch identifizierten Individuen führt.

Der Aufruf allerdings begnügt sich mit der banalen Feststellung, dass in Deutschland der Rassismus tobt – und bleibt damit die Antwort auf die Frage schuldig, wieso man sich eigentlich gegen Nationalismus wendet, wenn man Rassismus beklagt. Die Feststellung, dass es Rassismus gibt, soll schon die ganze Kritik am Nationalismus und seiner Inszenierung sein.

Offenbar meinen die Autoren, dass zwischen einem positiven Bezug auf Deutschland und dem rassistischen Normalbetrieb ein Widerspruch bestünde, der noch dazu den Leuten sofort ins Auge springen müsste, wenn ihn Antifaschisten einmal offen aussprechen.

Das Argument ist doppelt blöd:

Erstens weiß man ja, dass sich Nationalismus und Rassismus keineswegs gegenseitig im Wege stehen. Die Positionierung gegen Rechts und gegen Ausländerprügeln gehört doch schon längst zum Programm des neuen deutschen Nationalismus. Dabei geht das Eintreten für die Nation schon mal als antifaschistischer Akt durch. Für diejenigen unter den Partygästen hingegen, die das Vorgehen gegen Ausländer befürworten oder zuweilen selbst Hand anlegen, besteht erst recht kein Widerspruch zwischen feiern und prügeln/morden/abschieben.

Zweitens wird klar, dass „Rassismus“ als Argument gegen die Deutschlandfeierei glattweg ins Leere läuft, wenn man sich das eben Gesagte bewusst macht. Weder den Rassisten unter den Patrioten, noch den Fürsprechern der toleranten Nation trifft der Einwand tatsächlich. Die einen nicht, weil er ihnen nur moralisch vorhält, wofür sie offenbar einen guten Grund kennen. Die anderen nicht, weil sie Rassismus für einen Auftrag halten, sich für ihr Land stark zu machen.

Der Fehler der Argumentation ist es, den Leuten unbegründet unter die Nase zu reiben, dass Parteinahme für die Nation und Alltagsrassismus nicht gut zusammen passen — und dabei zu ignorieren, dass der Nationalismus diesen Einwand begründet zurückzuweisen versteht. Stellt man sich diesen Begründungen nicht, sondern grenzt sich gegen diese Ideologie lediglich ab, wie es der Aufruf seinem Inhalt nach tut, wird man auch in hundert Jahren noch Demos gegen den nationalen Wahn organisieren können.

b)

Über eine materielle Grundlage, auf der sich rassistische und nationalistische Ideologien entfalten, scheinen die Autoren indes wirklich nichts zu wissen. Wie kommt man sonst zu dem tautologischen Schluss, Rassismus mit der Anwesenheit von rassistischen Einstellungen zu begründen?

„In großen Teilen der Bevölkerung herrschen bis heute rassistische, chauvinistische und antisemitische Einstellungsmuster, die mit einer Idealisierung staatlicher Autorität einher gehen. Infolge dieses Konsens wird zwischen der eigenen Gemeinschaft und »den Anderen«, den so genannten »Ausländern«, klar unterschieden. Diese Kategorisierung bildet die Grundlage für eine von Stigmatisierung bis hin zum gewaltsamen Übergriff reichende Diskriminierungen.“

Für die Kategorisierung von Menschen in In- und Ausländer braucht es nun wirklich keine Rassisten. Indem Staaten – ganz unideologisch – die Menschen in ihrem Herrschaftsgebiet mit Pässen ausstatten und sie so auf ihr Inländerrecht verpflichten, für andere Zeitgenossen hingegen ein gesondertes Recht bereithalten, kommt diese Einteilung in die Welt. Erst diese rechtlich vorgenommene und gewaltsam durchgesetzte Unterteilung, die für die Leute erstmal ein Fakt ist, gestattet es Rassisten, aus einem fremden Rechtssubjekt (nichts anderes ist ein Ausländer) einen Schädling fürs Vaterland zu machen, gegen den vorzugehen ist.

Es ist wieder das gleiche: Sich über den Rassismus der Leute zu empören, ohne sich die Frage zu stellen, woher solche Gedanken eigentlich kommen, ist die Aufregung nicht wert, weil man ja doch bloss zu dem Urteil kommt, womit man seine Untersuchung begonnen hat: „Deutsche sind Rassisten“.

c)

Aber das Bündnis hat auch noch einen anderen Grund. gegen die Veranstaltungen im Oktober auf die Straße zu gehen: Den Deutschen gelänge es nämlich durch die Feierei der Nation und den Geschichten, die dabei erzählt werden, „sich von der Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus weiter zu lösen.“

Es ist ja wirklich so: Nationalisten ertragen es nur schwer, wenn in der Welt schlechte Urteile über ihre Nation herrschen. Sie sind stets darum bemüht, ein Bild ihrer Nation zu entwerfen, dass es ihnen erlaubt, richtig stolz zu sein. Unvoreingenommene Analysen werden dann gern mal ideologischen Konstruktionen geopfert. Dabei sorgen sie sich um die moralische Reinheit von Geschichten, mit denen sie eigentlich nichts am Hut haben und die ihnen glattweg am Arsch vorbeigehen könnten. Was haben sie schon vom Ausgang der Frage, ob nun die Hitler-Clique am Holocaust Schuld war, oder die Sache doch etwas komplexer ist?

Das es ihnen dennoch nicht egal ist, liegt daran, dass sie sich als Parteigänger der deutschen Nation um alles sorgen, was „deutsch“ als Attribut trägt. Wenn man nämlich erst einmal so weit ist, sich in dem Maße mit dem Vaterland zu identifizieren, dass Lob und Tadel der Nation, zu persönlichen Stolz und Scham werden, dann ist man von den Urteilen über Deutschland höchst selbst betroffen.

Obwohl nun die Autoren ganz richtig bemerken, dass die „imaginierte Gemeinschaft auf Erzählungen über ihr Wesen und ihre Geschichte angewiesen ist, die von charakteristischen Amnesien, Umdeutungen und Glorifizierungen geprägt sind“ nehmen sie gar nicht die Grundlagen dieser ideologischen Verrenkungen in die Kritik, sondern meinen mit historischen Richtigstellungen die kollektiven Amnesien, behandeln zu können.

Dabei käme es doch gerade darauf an, den Leuten zu vermitteln, dass ihr gedanklicher Übergang von „deutscher Staatsbürger“ zu „Deutscher“, und damit zu der Identifikation mit der Nation ein falscher, blöder und zuweilen ziemlich schädlicher Schluss ist; d.h. ihnen auszureden, dass sie sich für jeden Scheiß, der im Namen von Deutschland veranstaltet wurde und wird, zu verantworten und zu sorgen haben.

Das Gerede von der Verantwortung der Deutschen für ihre Geschichte, macht diesen nationalistischen Reflex jedoch mit, weil dabei gar nicht mehr unterschieden wird, wer hier eigentlich für was verantwortlich ist, sondern den Leuten mittels der abstrakten Gemeinsamkeit, Bürger des Deutschen Staats zu sein, der ganze Scheiß der Nation vor die Füße geknallt wird. Und zwar in der Weise, dass sie sich als Deutsche angesprochen fühlen sollen.

Das Bündnis muss sich schon die Frage gefallen lassen, was eine Demo eigentlich bewirken soll, die anlässlich der Deutschlandparty zwar zu Gegenaktivitäten mobilisiert, den Nationalisten aber gar nichts entgegenzusetzten weiss.

Tick, Trick und Track vom Bildungskollektiv Chemnitz

* Die Demo findet am 10. Oktober 2009 in Leipzig statt. Der Demonstrationsaufruf ist unter http://antide2009.blogsport.de/2009/07/02/still-not-lovin-germany/ nachzulesen.

Teilen:
  • Facebook
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • MySpace




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: