Über den Wolken…

Die Auseinandersetzungen mit neonazistischen Gedenkaufmärschen im Kontext der Bombardierung deutscher Städte im Verlauf des Zweiten Weltkriegs waren schon immer mehr als ‚simple’ Proteste gegen Neonaziaufmärsche oder -läden. Denn während es dort relativ einfach ist sich zumindest verbal von menschenverachtendem Gedankengut zu distanzieren oder die Problematik unter einer Standortdebatte zu verhandeln, hat der bürgerliche Protest im Rahmen des Gedenkens auch immer das Ansinnen, Inhalte zurück zu erobern und ins rechte Licht zu rücken. Da wird gestritten, das Gedenken nicht zu ‚instrumentalisieren’ ohne aber das Anliegen der Nazis ernst zu nehmen und sich zu fragen, warum sich gerade die Bombardierungstrauerfeiern so hervorragend in ein neonazistisches Weltbild eingliedern. Selbstverständlich: Die Rhetorik stößt an. ‚Bombenholocaust’ und ‚alliierte Luftgangster’ sind unpässliche Begrifflichkeiten bei der Inszenierung einer geläuterten und weltoffenen deutschen Nation.

Nachdem bereits Anfang Januar 3000 Menschen in Magdeburg gegen 900 Nazis demonstriert haben und dabei die handfeste Durchsetzung des Versammlungsrechts für menschenverachtende Anliegen erfahren mussten, erhob sich nun Dresden in den bundesweiten Medienspiegel, um seinen Logenplatz im Gedenkzirkus einzunehmen.

Wieder lagen Kränze am Heidefriedhof. Wieder war jedes fünfte Auto der Polizei zuzuordnen. Wieder gab es ein Schaulaufen für Hamburger Gitter. Wieder reichen sich Menschen mit friedlichem Pathos die Hände. Wieder entzündeten Neonazis ihre Fackeln.
Immerhin: 2000 Menschen setzen die Geschichte der Täter in den Vordergrund, um zumindest ein Gegengewicht zum Mythos der unschuldigen Stadt zu setzen. Glaubt man so einigen Stimmen wurde dort selbstverständlich nur Kunst und Kultur gehortet und sonst nichts. Die Welt veröffentlichte zur Feier des Tages einen ‚bisher unveröffentlichten Zeitzeugenbericht’, in dem die alte Mär von Phosphor und ‚entsetzlichen Zahl von Toten’ unkommentiert wieder aufgewärmt werden durfte. Der Mythos bleibt am Gedenken haften wie die Unschuld an den Deutschen.

Wenn es aber dazu kommt, dass ein paar Dutzend Menschen an der Frauenkirche ein Lied singen, ist es ganz schnell vorbei mit Versöhnung und Frieden. Da rennen behelmte Beamtinnen und Beamte umher um Singsang zu unterbinden, stoßen Menschen zu Boden und meinen ihrer Pflicht nachzukommen, wenn sie singenden Menschen ihre Personalien abnötigen und wie Kriminelle vor Einsatzwagen einkesseln. Die Einsatzkräfte werden zu willfährigen Vollstreckern einer Inszenierung eines angeblich richtigen Gedenkens. Wer das nicht versteht, verwirkt sein Recht auf Anwesenheit.

Und dann kündigt sich langsam wieder Chemnitz an: Die ersten Mobilisierungsvideos kursieren im Internet und die Stadt plant ihre Gegentrauer. Während in Dresden der Großteil des antifaschistischen Protests nicht das Gedenken abschaffen will, aber den Mythos (zumindest symbolisch), ebenso aufs Korn nimmt wie die Nazis, bleibt Chemnitz die zarte Pflaume des Ostens. Glücklicherweise wissen die Chemnitzerinnen und Chemnitzer seit letztem Jahr durch den ehemaligen Kandidaten der christlich-fundamentalistischen ‚Partei Bibeltreuer Christen’ (jetzt Bundestagsmitglied für die CDU) Frank Heinrich, dass das Chemnitzer Antinazibündnis nicht Gefahr läuft den „antideutschen, antidemokratischen und kommunistischen Antifa-Pöbel“ zu unterstützen. Man kann sich das tausendfache erleichterte Aufatmen vorstellen, welches die Chemnitzer Ruhe nach dieser Entwarnung durchstieß!
Schuldig bleibt man allerdings den Nachweis, wer und wo denn dieses antidemokratische und antideutsche Gesindel ist. Scheinbar sind dir Forderungen zur Abschaffung des Rechtstaats, des generellen Parteienverbots und der Streichung von Goethes Werken im Lehrplan im dicken Ruß der brennenden Barrikaden in der Innenstadt einfach untergegangen.

Im Angesicht der Diskussion rund um die Bombardierung, das Gedenken und die Identität ist der Tage zumindest ein Buch erschienen, mit dem programmatischen Titel „Gedenken abschaffen“, welches verschiedenste Kritikbeiträge am „Diskurs zur Bombardierung Dresdens“ vereint. Matthias Neutzner mäkelt für den MDR Figaro zwar am „selbstgerechten Grundton“ des Buchs herum und meint dem „Verdikt mühelos beizukommen“ – gesteht den Autorinnen und Autoren aber immerhin „die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Debatte um Vergangenheit und Zukunft“ zu. Es ist mit Sicherheit ebenfalls eine Leseempfehlung für Chemnitzer Gedenkdiskussions-Freundinnen und Freunde – sofern überhaupt mal über den Kern des Tages gesprochen wird.

Was aber erwartet uns dieses Jahr in Chemnitz? Vielleicht wieder eine dem G8 Gipfel in Heiligendamm würdige Sperrzone, in der Nazis seelenruhig ihre Verbalfäkalien fröhnen können. Jedoch sicherlich wird ein völlig geläutertes Gedenken zelebriert, welches mal wieder die Binsenweisheit präsentiert, dass Krieg Leid verursacht und es ganz bestimmt schafft, die Form vom Inhalt zu trennen. Sicher werden wir nicht davon lesen und hören dürfen, dass man eine historisierende, staatlich unterstützte Identitätskonstruktion kritisch reflektiert. Bestimmt nicht. Versprochen.

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