65 Jahre nach Kriegsende gehört es wieder zur deutschen Normalität, in der Öffentlichkeit auf die eigenen Verluste im Krieg hinzuweisen und damit gleichzeitig für sich in Anspruch zu nehmen, diese ebenfalls in aller Öffentlichkeit zu betrauern. Diese Situation entzieht sich auf mehreren Wegen jeder historischen Verantwortung und Anerkennung der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg und der Shoah.

Besonders die Ereignisse um die Bombardierungen deutscher Städte werden jedes Jahr zum Anlass genommen, ein erneutes Spektakel der vorgeschobenen Geschichtsbewältigung zu praktizieren. Auch Chemnitz macht sich seit vielen Jahren daran, die Erinnerung an den Angriff auf die Stadt im Gewand unterschiedlichster Veranstaltungen zu begehen. Im Mittelpunkt steht – hier wie andernorts – der Fokus auf die eigene Betroffenheit sowie das Geheul um das „unsagbare Leid“, welches mit dem Angriff auf die Stadt scheinbar über die Bevölkerung hereinbrach.

Um das Lernen aus der Geschichte zu demonstrieren, wird sich unter dem Motto Frieden getroffen. Ein Blick auf verschiedene Veranstaltungen zeigt jedoch, dass eben keine Reflexion stattfindet. Es ist lediglich eine sinnentleerte Programmatik festzustellen. Neben den zahlreichen Friedensbekundungen findet mensch auch viele Möglichkeiten, in das Trauern um die Chemnitzer Bombentoten einzustimmen.
Geschichtliche Beiträge werden nur vereinzelt hinzugezogen, um sich den Anschein historischer Betrachtung zu geben. Einzig die Kritik an der Art und Weise der Bombardierung ist zu hören und zu lesen; gestützt durch eine krude Argumentation.
Aber nicht nur zivilgesellschaftliche Gruppen interagieren an diesem Tag: Die Nazidemonstration unter dem Motto „Die Opfer waren unsere Familien“ ruft in rührseeliger Ningeligkeit die Kamerad_innen auf die Straße. Dabei könnte der Aufruftext – bis auf einige Stellen – genauso gut auf einer bürgerlichen Veranstaltung zu hören sein, in der den Toten der Bombardierung von Chemnitz gedacht wird.

Um jedoch den Gegenstand der selben zu erfassen, muss die Rüstungsentwicklung und die Lage der Alliierten in dieser Zeit nachvollzogen werden.
Zu Beginn der 1930er Jahre fungierte das Gebiet Sachsen zunächst als Standort der mittelständischen Konsumgüterherstellung. Bereits der Zeitraum von 1934 bis 1936 war geprägt von ersten Maßnahmen zur wirtschaftlichen Ausrichtung auf den Krieg. Mit dem Scheitern der Blitzkriegstrategie im Jahre 41 wurde Sachsen und damit auch Chemnitz voll in den Rüstungsplan des Dritten Reiches integriert. Die Produktion in den Astra-Werken, der Auto-Union, der Maschinenfabrik Germania und unzähligen anderen lief auf Hochtouren. Die Nachfrage nach „Menschenmaterial“ – so wurden Arbeiter_innen in den Akten bezeichnet – konnte nicht ausreichend gestillt werden, trotz des Einsatzes tausender Zwangsarbeiter_innen unter tödlichen Bedingungen.
Durch das Vorrücken der Alliierten von allen Seiten wurden die sächsischen Betriebe immer wichtiger für die Aufrechterhaltung der Kriegsproduktion. Gerade im Kontext der alliierten Verluste während der Operation „Market Garden“ und der erfolgreich gestarteten Ardennen-Offensive der Deutschen im Winter 1944/45 konnte auf ein baldiges Ende des Krieges nicht geschlossen werden.
Am 05.03.1945 erfolgte dann die erfolgreiche Bombardierung der Stadt Chemnitz, die einen Großteil der örtlichen Industrie und Infrastruktur zerstörte. Selbst nach diesem Angriff wurde ein Teil der Rüstungsproduktion noch bis April weiter gefahren.

So unterschätzten die Alliierten z.B. die Bedeutung des Werkes Siegmar für die Kriegsproduktion. Nach Aussagen des United States Strategic Bombing Survey hätte die Zerstörung des Werkes zu einem „kompletten Ausfall des Nachschubes von Panzermotoren“ geführt, wäre Chemnitz schon fünf Monate früher bombardiert worden.

Gern wird bei der Argumentation des zerstörten Chemnitz auch die ideologische Verfestigung der Stadtbevölkerung unter den Tisch fallen gelassen. Im unentwegten Glauben an den Endsieg schlug bspw. der damalige Chemnitzer Schulamtsleiter Dr. Dieterle vor, Schüler als Luftwaffenhelfer einzusetzen. Dies geschah Tage vor der offiziellen Ausrufung des „Totalen Krieges“ durch Goebbels.

Im Jahre 44 folgte eine Reihe von Massenveranstaltungen. Es versammelten sich zum Hitlergeburtstag 9000 Frauen und Männer am Adolf-Hitler-Platz – dem heutigen Theaterplatz – um dem „Führer“ ihre Ergebenheit zu demonstrieren.
Das im November 44 abgehaltene SA-Standarten-Wehrschießen war mit 16000 teilnehmenden Männern gut besucht. Die größte Veranstaltung fand am zwölften November 44 zur allgemeinen Vereidigung des Volkssturms statt, um Zitat: „dem Führer des Großdeutschen Reiches, Adolf Hitler, bedingungslos treu und gehorsam“ zu dienen. Diesem Aufruf folgten nicht nur ein paar wenige – es kamen „einige zehntausend Menschen“.

Auch beteiligten sich die Chemnitzer_innen rege an den in allen Teilen des Deutschen Reiches stattfindenden Pogromen am neunten November 1938. So beschreibt ein Augenzeuge einen grölenden Menschenauflauf vor der Synagoge auf dem Sonnenberg: „SA-Männer und auch fanatisierte Jugendliche“ stürmten das Eingangstor. Danach legten Männer Feuer. Die im Vorfeld verhafteten Menschen der jüdischen Gemeinde wurden gezwungen, die Zerstörung der Synagoge mit anzusehen.
Am Tag nach dem Pogrom waren die Straßen von gebrandschatzten jüdischen Geschäften gesäumt. Der Vorstand der Gemeinde sollte später die Zustimmung zum sogenannten selbsterklärten Abriss der Synagoge unterzeichnen. Dem widersetzte er sich jedoch und landete am 12.11. im KZ Buchenwald. Er war nur einer der insgesamt 2000 Jüdinnen und Juden aus dem Gebiet Chemnitz, die in Arbeits- und Vernichtungslager deportiert wurden.

Die Chemnitzer Tageszeitung lieferte bereits in der Ausgabe vom 21.3.1933 einen ersten Vorgeschmack darauf, was mit den Jüdinnen und Juden geschehen sollte. So hieß es: „Wenn Hitler etwas passiert … wird ein entsetzliches Blutbad, wie es die Weltgeschichte in seinem grauenvollen Ausmaße noch nicht gesehen hat, an den Juden vollzogen“. Obwohl Hitler nichts geschah, wurde die Drohung in die Tat umgesetzt.
In Auschwitz und anderen Vernichtungslagern hoben die Nazis die Gesellschaft ins Negative auf. Die ursprüngliche Zweckbestimmung und Entwicklung der Zivilisation zu einer besseren Organisation der Gesellschaft aller Menschen für Menschen wurde in ihr Gegenteil verkehrt: Zu einer Zweckbestimmung, die den Tod von Menschen zum Ziel hatte und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durchgesetzt wurde.

Letztendlich ließen es die gesellschaftlichen Bedingungen nicht zu, den deutschen Eroberungs- und Vernichtungsplänen ohne den Einsatz von Bomben effektiv Einhalt zu gebieten.
Die einfache Forderung nach Frieden am Jahrestag der Bombardierung von Chemnitz relativiert die Geschehnisse sowie die Singularität des deutschen Vernichtungskrieges und der Shoah. Sie verhöhnt dabei die tatsächlich Betroffenen, welche nur durch eine kriegerische Intervention und eben nicht durch passiven Widerstand, Ignoranz oder Hinnahme dem nationalsozialistischen Wahn entrissen werden konnten, ebenso wie jene, für die alle Hilfe zu spät kam. Dies schafft zwangsläufig Anknüpfungspunkte für Nazis und riskiert, dass derart menschenverachtende Inhalte erneute Massenkompatibilität erreichen.
Wir rufen im Rahmen des Jahrestages der Bombardierung von Chemnitz zu einer Demonstration auf, um uns diesem praktizierten Geschichtsrevisionismus sowie einem solch unreflektierten Friedensbegriff entgegenzustellen.

Am fünften März um 16.00 am Bahnhofsvorplatz in Chemnitz:
Den Stöpsel ziehen – das Tränenmeer trockenlegen!
Wider den Chemnitzer Totenkult!




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