Der folgende Redebeitrag der Antifaschistischen Gruppe Freiberg ist eine aktualisierte Version des Redebeitrags „Wider die antifaschistische Einheitsfront“ vom letzten Jahr.

Wenn es heißt, die Antifa demonstriere heute in Chemnitz, gilt es zu widersprechen. Es braucht kaum betont zu werden, dass die verschiedensten antifaschistischen Gruppen sich in ihrem Verständnis von Gesellschaftskritik sowie ihren Zielen stark unterscheiden. Das, was sich alles Antifa nennt, auf einen gemeinsamen Nenner herunter zu brechen, scheint unmöglich.

Wir betrachten Antifaschismus nur als einen Teilbereich kritischer Intervention und als für ein Verständnis der Gesellschaft in ihrer Totalität ungeeignet. Dafür notwendig ist die Auseinandersetzung mit Staats-, Ökonomie-, und Ideologiekritik und die daraus resultierende Forderung nach der allgemeinen Emanzipation der Menschen, nach der Freien Assoziation der Individuen im Kommunismus. Das erfordert zwar durchaus den Kampf gegen Neonazis, hört dort allerdings noch längst nicht auf.

Neonazis mögen die reaktionärsten und menschenverachtendsten Kräfte in der aktuellen Gesellschaft sein. Das haben aber zum Glück die größten Teile der Gesellschaft längst erkannt. Nun gibt es aber keine geschlossene Naziideologie und auch keine geeinte Rechte. Vielmehr setzt sich das emanzipationsfeindliche Gedankengut der Neonazis aus vielen ideologischen und sich teilweise widersprechenden Fragmenten zusammen, wie Nationalismus, Etatismus, Rassismus, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Autoritarismus, völkisches Denken oder Sexismus – um nur einige zu nennen – und diese Ideologien sind keineswegs nur auf Nazis beschränkt. Sie finden sich in der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“ ebenso, wie bei vielen Linken und müssen auch immer wieder wegen ihrer Funktionen und Genese auf die gesellschaftliche Verfasstheit im Ganzen zurückbezogen werden.

Hier zeigt sich unserer Ansicht nach das Problem vieler sich als Antifa verstehender Gruppen. Statt Ideologien konsequent zu denunzieren, betreiben viele punktuelle Anti-Nazi-Politik und machen sich dadurch selbst zum Problem. Der Antifaschismus wird mit der einzigen Fokussierung auf Naziaktivitäten zum Selbstzweck und damit alleiniges Ziel, anstatt Mittel für eine Gesellschaft zu sein, die diesen Namen verdienen würde. Das war u.a. auch vor zwei Wochen in Dresden abermals gut zu beobachten, als sich Tausende an den Blockaden von „Dresden Nazifrei“ und „no pasarán“ beteiligten. Die immer wieder gelobte Breite der Bündnisse führte schließlich zu einer Aufgabe radikaler Inhalte (falls es diese jemals gegeben hat) und man landete gemeinsam mit der sogenannten Zivilgesellschaft bei einem irgendwie-Unbehagen gegen Nazis, das immer weniger inhaltlich und immer mehr affektiv und emotional begründet wird.

So wurde in Dresden von vielen nicht beanstandet, dass die Nazis in ihrem Trauermarsch den Nationalsozialismus relativieren und Täter_innen zu Opfern umdeuten, sondern lediglich, dass Nazis überhaupt aufmarschieren. Zwar hat mittlerweile auch beim Bündnis „no pasarán“ ein Umdenken eingesetzt und der Geschichtsrevisionismus wurde dieses Jahr erstmals breiter thematisiert. Die zivilgesellschaftliche Lüge, dass die Nazidemonstration nur ein sogenannter Trauermarsch in Anführungsstrichen sei, der noch dazu instrumentalisiere, wurde dennoch weiterhin munter kolportiert. Und so traf sich in Dresden das antifaschistische Bündnis aus Mob und Elite, um gemeinsam mit dem wandelnden Sitzblockierzottelmonster Thierse die Souveränität über die Straße zu sichern. Das fühlt sich allemal gut an und bestärkt die Selbstidentität, doch auf der guten Seite zu stehen. Mit dem Feindbild „Nazi“ wird das eigene „gute“ Kollektiv beschworen und bestärkt. Antifa zu sein hat somit längst auch den Charme von Subkultur und wird damit immer weiter entpolitisiert. Übrig bleibt ein Rudiment von gemeinsamer Identität, das wahrscheinlich nicht wenige in die linke Szene getrieben hat. Dagegen muss immer wieder betont werden, dass antifaschistische Intervention eine traurige Notwendigkeit ist und keinesfalls Basis für eine positive Identifizierung bieten kann.

Aus diesem Grund gilt es der Vorstellung einer geeinten Linken immer wieder zu widersprechen. In dieser Vorstellung wird die Linke zu einem unhinterfragbaren Identifikationspunkt überhöht. Konsequenz ist, dass Kritik an diversen linken Postionen, Selbstkritik und damit auch Erkenntnis unmöglich gemacht wird. In dieser Identifizierung verschmelzen Persönliches und Politisches, Individuum und Subjekt zu einer gruseligen Melange, der es in erster Linie ums Wohlfühlen bestellt ist. Wahrscheinlich fristet die Ideologiekritik unter Linken deshalb so ein Schattendasein. Denn wer seine Identität untrennbar an sein politisches Engagement koppelt und außerhalb dessen nichts kennt, für das es sich zu leben lohnt, der muss Polemik und Kritik unweigerlich als Angriff auf seine Person wahrnehmen, anstatt sie als Denunziation einer falschen Denkform zu begreifen.

Dabei müsste ein Begreifen des Unbegreifbaren, nämlich des Funktionierens der kapitalistischen Warenproduktion und der damit einhergehenden falschen Bewusstseinsformen doch im Sinne aller sein, denen es um die Abschaffung der Herrschaft von Menschen über Menschen bestellt ist. Dafür ist es aber notwendig, auch und immer wieder linke Analysen Gegenstand der Kritik werden zu lassen und auf ihr Anliegen hin zu untersuchen. Geht es etwa um die Abschaffung des Kapitalismus, oder darum, Politik zu treiben? Geht es um die Abschaffung von Staat und Kapital, oder um die Etablierung des eigenen „antifaschistischen Gegensouveräns“? Wer meint, in Bündnissen mit staatstragenden linken Deutschen etwas erreichen zu können, verrät die Perspektive auf eine radikale Veränderung. Die reformistischen Kräfte, von der Linkspartei bis zur SPD, von den Gewerkschaften zu Attac, von Antiimperialisten über Stalinisten zu den linken Studierenden, die ihre Kapitalismuskritik aus dem Gefühl beziehen, dass es in der Welt ja irgendwie doch ungerecht zugeht, sie sind alle Apologeten der falschen Verhältnisse, die den Kapitalismus nicht überwinden, sondern im besten Fall nur reformieren, im schlechtesten aber hinter seine Errungenschaften zurückfallen wollen. Auch antifaschistische Gruppen sind vor derlei nicht gefeilt. Das Label „Antifa“ muss längst nicht für eine emanzipatorische Perspektive stehen. Das gilt es immer wieder zu benennen, wo es notwendig ist. Die Kritik ist dabei nicht Selbstzweck, sondern unüberbrückbare Voraussetzung eine vernünftige Gesellschaft negativ im Denken aufscheinen zu lassen. Nur so lässt sich das kommunistische Anliegen gegen seine Widersacher bewahren.

Antifaschistische Gruppe Freiberg, März 2011




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