Der folgende Text ist ein Redebeitrag, der am 5.3. bei der verhinderten Demonstration „Das Tränenmeer trocken legen“ in Chemnitz vorgelesen werden sollte. Wir möchten ihn hier noch einmal dokumentieren und zugleich als eine Reaktion auf den offenen Brief der KPF-Sachsen der Partei „Die Linke“ verstanden wissen.

Wenn es heißt, DIE Antifa demonstriere heute in Chemnitz, gilt es zu widersprechen. Es braucht wohl kaum betont zu werden, dass die verschiedensten antifaschistischen Gruppen ein heterogener Haufen sind und sich in ihrem Verständnis von Gesellschaftskritik und ihren Zielen stark unterscheiden. Das, was sich heute alles Antifa nennt, auf einen gemeinsamen Nenner herrunterzubrechen ist unmöglich. Auf die Frage, was „Antifa“ bedeute, gibt es immer noch verschiedene Antworten.

Wir betrachten Antifaschismus nur als einen Teilbereich kritischer Intervention und für ein Gesamtverständnis der Gesellschaft ungeeignet. Dafür notwendig ist die Auseinandersetzung mit Staats-, Ökonomie-, und Ideologiekritik und die daraus resultierende Forderung nach der allgemeinen Emanzipation der Menschen, nach der Freien Assoziation der Individuen im Kommunismus. Das erfordert durchaus den Kampf gegen Neonazis, hört dort allerdings noch längst nicht auf.

Neonazis mögen mit am reaktionärsten und menschenverachtendsten seien, das haben aber zum Glück die größten Teile der Gesellschaft erkannt und stellen sich ihnen entgegen. Nun gibt es aber keine geschlossene Naziideologie und keine geeinte Rechte. Vielmehr setzt sich das emanzipationsfeindliche Gedankengut der Neonazis aus vielen ideologischen Fragmenten zusammen, wie Nationalismus, Etatismus, Rassismus, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Autoritarismus, völkisches Denken oder Sexismus und diese Ideologien sind keineswegs nur auf Nazis beschränkt. Sie finden sich in der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“ ebenso, wie bei vielen sogenannten „Linken“ und müssen auch immer wieder wegen ihrer Funktionen und Genese auf die gesellschaftliche Verfasstheit im Ganzen zurückbezogen werden.

Hier zeigt sich unserer Ansicht nach das Problem vieler sich als Antifa verstehender Gruppen. Statt Ideologien konsequent zu kritisieren, betreiben viele punktuelle Anti-Nazi-Politik und machen sich dadurch selbst zum Problem. Der Antifaschismus wird mit der einzigen Fokussierung auf Naziaktivitäten zum Selbstzweck und damit Ziel statt Mittel. Das war vor drei Wochen in Dresden gut zu beobachten, als sich Tausende an den Blockaden von „Dresden nazifrei“ und „no pasaran“ beteiligten. Die immer wieder gelobte Breite der Bündnisse führte schließlich bei einem Großteil zu einer Aufgabe radikaler Inhalte und man landete dort, wo die sogenannte Zivilgesellschaft mittlerweile auch angekommen ist: An einem irgendwie-Unbehagen gegen Nazis, das immer weniger inhaltlich und immer mehr affektiv und emotional begründet wird. So wurde in Dresden von vielen nicht beanstandet, dass die Nazis in ihrem Trauermarsch den Nationalsozialismus relativieren und Täter_innen zu Opfern umdeuten, sondern, dass Nazis überhaupt marschieren. Natürlich ist diese Beanstandung ebenfalls angebracht, sie ist aber unscharf und für eine Analyse ungeeignet. Denn dann wird zu leicht übersehen, dass sich menschenverachtendes und revisionistisches Gedankengut nicht nur bei den Nazis finden lässt, sondern bei Bürger_innen ebenso, wie bei Bündnispartner_innen in den Blockaden. Dabei handelt es sich nicht nur um die Umdeutung der Dresdner Bombentoten in Opfer, wie sie im Gedenken vollzogen wird, sondern genauso um völkisches Denken und Nationalismus. Ein bisschen dient punktuelles Anti-Nazi-Engagement wohl außerdem auch der Gewissensberuhigung und der Vergewisserung der eigenen antifaschistischen Identität. Mit dem Feindbild „Nazi“ wird das eigene „gute“ Kollektiv beschworen und bestärkt. „Antifa“ zu sein, hat längst auch den Charme von Subkultur und wird damit noch weiter entpolitisiert. Dagegen muss immer wieder betont werden, dass antifaschistische Intervention eine traurige Notwendigkeit ist und dass es keinen Grund zur Freude gibt, demonstrieren und Kritik üben zu müssen.

Naziaufmärsche und Polizeieinsätze in verwinkelten Straßen sind kein Abenteuerspielplatz, wo man seine revolutionäre Energie ausleben kann, sondern sollten gar nicht existieren. Die Vermutung, manchen würde dann etwas fehlen, scheint aber gar nicht so abwegig. Zu kritisieren ist hier vor allem das Auftreten des so genannten „Black Block“. Eine Rechtfertigung für das Auftreten als militanter „Black Block“ gibt es in den meisten Fällen nicht und das Katz und Maus Spiel mit den Repressionsapparaten des Staates könnte wohl ein ums andere mal umgangen werden. Fragen muss man sich, was das kollektive Auftreten als schwarze Masse nach außen symbolisiert. Nicht nur das mackerhafte Auftreten ist aus antisexistischer Sicht zu problematisieren, sondern vor allem die völlige Liquidation des Individuums im Kollektiv und der gemeinsamen Tat, die Identität und Gemeinschaft stiftet. Nicht ohne Grund können sich Autonome Nationalisten so problemlos dieser Codes und Styles bedienen – sie missbrauchen sie nicht, sondern führen vielmehr vor Augen, wie inhaltsleer diese schon immer gewesen sind.

Außerdem muss aus unserer Sicht der Vorstellung einer geeinten Linken mit dem gemeinsamen Ziel einer besseren Welt entschieden widersprochen werden, denn wir haben ernsthafte Zweifel, dass diese andere Welt besser verfasst sein wird, als gegenwärtig. In gegenseitigen Solidaritätsbekundungen und dem Ruf, sich auf keinen Fall zu spalten und zu kritisieren, wird oft übersehen, dass die Unterschiede nicht nur in Einzelfragen bestehen, sondern im gesamten Anliegen. Geht es um das Anliegen des Kommunismus, oder darum Realpolitik zu treiben? Geht es um die Abschaffung der Ausbeutung und der Herrschaft von Menschen über Menschen, oder der Etablierung des eigenen „antifaschistischen Gegensouveräns“? Wer meint, in Bündnissen mit staatstragenden linken Deutschen etwas erreichen zu können, verrät die Perspektive auf eine radikale Veränderung. Die reformistischen Kräfte, von Linkspartei bis SPD, von den Gewerkschaften bis Attac, von Antiimperialist_innen bis Stalinist_innen, von Zivilgesellschaft bis „Nie wieder Krieg!“-Schreier_innen, sie sind alle Apologet_innen der falschen Verhältnisse, die den Kapitalismus nicht überwinden, sondern im besten Fall nur reformieren, im schlechtesten hinter ihn zurückfallen wollen. Auch Antifaschistische Gruppen sind vor derlei nicht gefeilt. Das Label „Antifa“ muss längst nicht für eine emanzipatorische Perspektive stehen. Das gilt es immer wieder zu benennen, wo es notwendig ist. Die Kritik ist dabei nicht Selbstzweck, sondern notwendigerweise immer der erste Schritt einer vernünftigen Praxis. Nur so lässt sich das kommunistische Anliegen gegen seine Widersacher_innen verteidigen.

Antifaschistische Gruppe Freiberg März 2010




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